schildhammer.at

August 17, 2020

Der Kunst ihre Freiheit. Der Meinung auch

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart ist in Verruf gekommen:

Einige ihrer Gags wären antisemitisch.

Wer Eckharts Programme schon einmal gesehen hat, kann dieser Behauptung nichts abgewinnen.

Tatsächlich mag dem Zuhörer gelegentlich das Lachen im Halse stecken bleiben – allerdings erst, nachdem es schon zur Hälfte den Rachen verlassen hat.

Ist es unzulässig als Österreicherin und Nichtjüdin Witze über Juden zu machen, noch dazu solche, die mit antisemitischen Klischees spielen?

Ich weiß, dass dies – nicht zuletzt auch in der jüdischen Community – umstritten ist.

Doch kurz noch einmal zurück zu Lisa Eckhart:

Ich für meinen Teil bin davon überzeugt, dass sie keine Antisemitin ist.

Aber selbst wenn diese Frage ungeklärt oder unklärbar wäre und auch nur die kleinste Möglichkeit bestünde, dass sie doch eine Antisemitin wäre:

Sollten wir sie boykottieren?

Nein, sollten wir nicht!

Meinungsfreiheit ist aus meiner Sicht ein zu hohes Gut, um es zu beschneiden, selbst dort, wo Grenzen des guten Geschmacks (des Geschmacks von wem eigentlich?) überschritten werden.

Ich persönlich bin dafür, objektive Gewalt und auch noch die Aufforderung zu solcher objektiven Gewalt unter Strafe zu stellen.

Juden zu töten oder andere Menschen dazu auffordern, dies zu tun, sind somit zu Recht per Gesetz als Straftaten definiert und verboten.

Doch Witze, auch antisemitische, und mögen sie für viele von uns noch so geschmacklos sein, sind weder Gewalttaten noch eine Aufforderung dazu.

Was verstehe ich unter „objektiver Gewalt“?

Objektive Gewalt muss notwendige und hinreichende Bedingungen erfüllen, um als Gewalt gelten und verboten werden zu dürfen.

Wenn ich nicht getötet werden will, aber dennoch getötet werde, erfüllt dieser Akt beide Bedingungen: meinen subjektiven Schaden (Ich will nicht getötet werden) und einen objektiven Sachverhalt der Nicht-Interpretierbarkeit seines Ergebnisses (Wenn ich getötet werde, bin ich anschließend tot).

Wenn mich jemand als „Arschloch!“ beschimpft, könnte mich das zwar subjektiv verletzen.

Doch ob ich mich von einer solchen Beschimpfung tatsächlich verletzen lasse, hängt davon ab, wie ich mich ihr gegenüber positioniere.

Entweder, ich habe derjenigen Person, die mich als „Arschloch“ bezeichnet, etwas angetan, was diese Beschimpfung rechtfertigt.

Wie könnte ich mich dann darüber aufregen?

Oder diese Person hat keinen nachvollziehbaren Grund dafür, mich „Arschloch“ zu nennen.

Doch in diesem Fall kann ich genau genommen erst recht nicht verletzt und darüber beleidigt sein.

Anstatt immer mehr (gesetzliche oder ungeschriebene gesellschaftliche) Verbote einzuführen, um nur ja nicht verletzt werden zu können, wäre es besser, Menschen von klein auf (also schon beginnend bei der Erziehung unserer Kinder) zu stärken, mit solchen Versuchen der Kränkung entspannt umzugehen.

Wenn immer mehr Menschen über „Beleidigungen“ lachen, anstatt sie sich zu Herzen zu nehmen, werden jene, die versuchen, andere damit zu verletzen, damit aufhören dies zu tun.

Und außerdem müssen wir dann auch nicht die Freiheit der Kunst bzw., noch fundamentaler, die Meinungsfreiheit beschneiden.